„Können auf keinen verzichten“
Interview mit dem Dortmunder Sozialwissenschaftler Dr. Wilfried Kruse, dem Initiator und Koordinator der „Weinheimer Initiative“ zur Jahrestagung in Hoyerswerda
Herr Dr. Kruse, die Jahrestagung der „Weinheimer Initiative“ 2011 fand in Hoyerswerda statt – einer schrumpfenden Stadt. Man kann dahinter eine Symbolik vermuten. Was bedeutet eine kommunale Verantwortung für Bildung und Ausbildung gerade an einem Standort wie Hoyerswerda?
Das Thema der Jahrestagung, das Lehrstück Übergang, konnte sich ganz gut reiben mit den Problemen in der Stadt Hoyerswerda, dem Bevölkerungsrückgang und der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Natürlich stellt sich hier noch besonders und noch mehr als in anderen Städten die Frage, wie gewinnt man die Zukunft, wie gewinnt man die Heranwachsenden für den Arbeitsmarkt. Die lebenspraktische Bildung ist hier zweifellos ein Standortfaktor.
Lokale Bildungsverantwortung als Standortfaktor und Zukunftssicherung einer Kommune und einer ganzen Region: Wie weit konnte die „Weinheimer Initiative“ diesen Gedanken in den Kommunen schon verwurzeln? Oder braucht es eine gewissermaßen soziale oder demographische Notlage wie in Hoyerswerda?
Mit der sozialen Notlage hat das weniger zu tun. Das war sicher so am Anfang der Weinheimer Initiative, aber mittlerweile hat doch ein Wechsel der Perspektiven stattgefunden. Wir dürfen die Diskussion nicht auf Benachteiligte beschränken, das wäre eine verhängnisvolle Verkürzung des Problems. Das Wegbrechen von Königswegen ins Berufsleben ist für alle Jugendliche problematisch. Deshalb stellt sich überall die Frage, wie wir auf kommunaler Ebene damit umgehen Vor vier Jahren gab es das Schlagwort, es darf keiner zurückbleiben. Heute heißt es eher: Wir können auf keinen verzichten.
Die Wirtschaft, vor allem das Handwerk, beklagt heute schon einen Mangel an Fachkräften. Diese Entwicklung wird sich verschärfen. Bedeutet das grundsätzlich einen Vorteil, eine Erleichterung für Ihre Arbeit? Oder nur eine Verschiebung?
Dass die einzelne Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich gestiegen ist, signalisiert zunächst einmal eine Veränderung der Gesamtsituation. Dadurch erweitern sich aber eher die Aufgaben einer kommunalen Koordinierung. Denn der Blick muss dann natürlich auf beide Seiten gerichtet sein. Auf die Seite der Auszubildenden und auf die Seite der Berufsbildungsangebote. Diese müssen attraktiver sein, um den Bedürfnissen junger Leute gerecht zu werden, die sich heute differenzierter darstellen als früher. Unsere Aufgabe wird also vielschichtiger, weil sie künftig noch mehr zum Beispiel die Kammern, die Betriebe und die Akteure der Wirtschaftsförderung einbinden muss, nicht zuletzt die berufsbildenden Schulen.
Herr Dr. Kruse, Deutschland blickt auf die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zurück. Hat diese Krise ihre Ziele in weitere Ferne gerückt, beziehungsweise ihre Bemühungen erschwert, zumal die Kommunen trotz des aktuellen Aufschwungs finanziell nach wie vor geschädigt sind?
Wir haben feststellen können, dass die Kommune und Kreise, die eine kommunale Koordinierung geplant hatten, diese auch trotz der Krise eingerichtet haben. Auch ist das Thema mittlerweile recht prominent bei Bundesprogrammen platziert. Es ist also eine gewisse Stabilität eingetreten. Andererseits, die Stunde der Wahrheit kommt erst noch, wenn in den nächsten beiden Jahren Bundesprogramme auslaufen.
Wie sollte es dann weitergehen, wer sollte sich verantwortlich fühlen?
Es ist eine zentrale Forderung der Weinheimer Initiative seit ihrer Gründung, dass die Kommunale Koordinierung institutionalisiert wird und nicht von Projektfinanzierung abhängt. Es muss unserer Ansicht nach eine Regelfinanzierung geben. Da die Kommunale Koordinierung nach ein Teil des staatlichen Bildungsauftrages ist, kommt eine gemeinsame Finanzierung durch Stadt und Land am ehesten in Betracht. Aber es geht uns nicht einmal vorrangig um die Finanzierung sondern um die Demonstration des gemeinsamen Willens.
Das aktuelle Thema der Jahrestagung und der „Hoyerswerdaer Erklärung“ lautet „Lehrstück Übergang“ und rückt den Jugendlichen selbst in den Mittelpunkt. Warum haben Sie diesen Schwerpunkt gewählt? Hatten Sie den Eindruck, die Betroffenen selbst seien zuletzt vernachlässigt worden? Oder haben sich Rahmenbedingungen verändert?
Nein, sie wurden natürlich nicht vernachlässigt, dies so darzustellen wäre eine Beleidigung aller, die sich bislang bei dem Thema engagiert haben. Es geht darum, was die Botschaft des Übergangsprozesses ist. Die kann nicht sein, dass ihnen – trotz unserer Hilfe – die Gesellschaft keine Chance gibt. Wie gehen wir mit den jungen Leuten um, denen wir helfen wollen? Sie einfach an der Hand nehmen, ihnen keine Lücken oder selbstständige Entscheidungen lassen, wäre falsch. Dann haben sie vielleicht einen Beruf, aber haben wir dann dem Menschen beim Eintritt ins Erwachsenenleben wirklich geholfen? Die besten Übergangswege sind solche, die sich der Jugendliche selbst gesucht hat. Das wollen wir mit diesem Schwerpunktthema und der „Hoyerswerdaer Erklärung“ betonen.